Unfreiwilliges Drama in der Großen Holzwiek: Wenn der Anker am Kabel hakt

Moin liebe Segel- und Motorbootfreunde!

Was als friedlicher Feierabend geplant war, entwickelte sich schnell zu einem Lehrstück in Sachen Seekartenlesen und Gute Seemannschaft.

Was war passiert?

Gegen Abend bemerkten wir die Notlage unserer Nachbarn: Das Ehepaar auf der Segelyacht Cranich wollte den Anker lichten, doch da ging gar nichts mehr. Die Ankerwinde quälte sich, das Schiff lag fest – der Anker war felsenfest am Grund verhakt.

Das Problem? Die Cranich lag exakt im Sperrgebiet über dem Baltic Cable, dem wichtigen Unterseekabel.

  • Glasklar markiert: Der Verlauf des Kabels ist nicht nur in jeder aktuellen Seekarte eindeutig eingezeichnet, sondern vor Ort auch durch unübersehbare Verbotsschilder an der Küste gekennzeichnet. Ankern ist hier strengstens verboten!
  • Verheddert: Der Anker hatte sich unglücklicherweise direkt am Seekabel verfangen.

Da die Besatzung der Cranich nicht mehr weiterwusste und die Situation ohne professionelle Hilfe nicht zu lösen war, haben wir von der Marisol kurzerhand die Wasserschutzpolizei (Wapo) verständigt.

Positionsmeldung über die Adler 34

Da die SY Cranich nicht über ein AIS-System verfügte, war es für die Behörden gar nicht so einfach, den Havaristen auf dem Radar exakt zu lokalisieren. Hier konnten wir mit unserer Klassiker-Lady aushelfen:

Die Verkehrsleitung Trave Traffic übernahm kurzerhand die Position der SRC Marisol über unser AIS als Referenzpunkt, um den genauen Einsatzort der Cranich festzulegen und die weiteren Maßnahmen zu koordinieren.

Ein teures Nachspiel & ein Appell der Wapo

Die Beamten der Wasserschutzpolizei bedankten sich ausdrücklich bei uns für das schnelle Handeln und das Absetzen des Rufs. Im Gespräch wurde jedoch klar, dass es sich hierbei leider um keinen Einzelfall handelt:

  • Sorgenkind Baltic Cable: Laut Wapo passiert genau dieses Missgeschick aus Nachlässigkeit leider immer wieder.
  • Schrottplatz am Meeresgrund: Viele Eigner kappen in ihrer Not einfach die Ankerkette und lassen das Geschirr am Grund zurück. Auf dem Boden rund um das Kabel liegen mittlerweile etliche verlassene Anker.
  • Hoher Sachschaden: Das Baltic Cable an dieser Stelle wurde erst diesen April mit extrem hohem finanziellem und technischem Aufwand repariert.

Für den Eigner der Cranich dürfte dieser Abend ordentlich ins Geld gehen: Neben den Kosten für einen professionellen Taucher zur Ankerbergung drohen ihm nun eventuell auch die immensen Kosten für eine Überprüfung oder Reparatur des Seekabels, falls dieses beschädigt wurde.


Unser Fazit von Bord der Marisol

Fehler passieren auf dem Wasser – aber dieser Vorfall zeigt wieder einmal, wie essenziell ein gründlicher Blick in die Seekarte vor dem Fallenlassen des Ankers ist. Schilder und Karteneintragungen stehen dort nicht zum Spaß!

Wir wünschen der Crew der Cranich trotz des Ärgers eine glimpfliche Abwicklung. Für uns blieb zumindest das gute Gefühl, dass die Systeme auf unserer Storebro Royal Cruiser reibungslos funktionierten und wir Schlimmeres verhindern helfen konnten.

Mast- und Schotbruch (und immer zwei Handbreit Kabel unter dem Anker!),


Eure Crew der SRC Marisol


Wissenswertes:

Der Verlauf des Baltic Cable innerhalb und entlang der Trave erstreckt sich über eine Strecke von rund 12 Kilometern, beginnend an der Stromrichterstation in Lübeck-Herrenwyk bis zur Mündung in die Ostsee bei Travemünde.

Aufgrund behördlicher Auflagen und der dichten Besiedlung durfte die Hochspannungsleitung in diesem Bereich nicht an Land verlegt werden, was die Installation im Flussbett zu einem technisch hochkomplizierten Projekt machte. 

Der genaue Trassenverlauf in der Trave

[Stromrichterstation Herrenwyk] (Trave-Tunnel / Unterquerung) ◄─── Parallele Führung von Haupt- & Kathodenkabel

[12 km Flussbett-Verlegung in der Untertrave] ◄─── Extrem flache Zonen (< 1m Wassertiefe)

[Passage Priwall] ◄─── Übergangsbereich zur offenen See

[Ostsee] ───► Richtung Schweden (Kruseberg)

  • Die Trave-Unterquerung (Tunnel): Direkt nach dem Start an der Konverterstation in Lübeck-Herrenwyk unterqueren das 440-kV-Hauptkabel und das zugehörige Kathodenkabel den Fluss in einem speziell dafür errichteten Tunnel. Die beiden Leitungen liegen darin im Abstand von 2,5 Metern parallel. Dieser Abstand ist notwendig, um das Magnetfeld zu minimieren, damit die Kompasse der passierenden Schiffe auf dieser stark befahrenen Wasserstraße nicht abgelenkt werden. 
  • Das Bett der Untertrave: Nach dem Tunnel verläuft das Kabel über eine Strecke von ca. 12 Kilometern im Flussbett der Untertrave. Das Kabel wurde dabei größtenteils sehr nah entlang der Uferlinie verlegt.
  • Flachwasser-Herausforderung: Auf einer Länge von etwa zwei Kilometern mussten die Kabel durch extrem flache Zonen der Trave geführt werden, bei denen die Wassertiefe stellenweise weniger als einen Meter betrug. 
  • Die Mündung am Priwall: Das Kabel passiert den Bereich Travemünde/Priwall, bevor es die offene Ostsee erreicht und seinen Weg über 230 Kilometer Seestrecke nach Schweden fortsetzt. 

Historischer Zwischenfall im Flussbereich

Die Verlegung direkt im Flussbett der viel befahrenen Trave birgt Risiken durch den Schiffsverkehr. Im März 2002 kam es zu einem schweren Zwischenfall, als die Passagierfähre “Nils Holgersson” infolge eines Stromausfalls manövrierunfähig wurde, in der Trave vor Travemünde auf Grund lief und mit ihrem Kiel das Baltic Cable auf dem Flussgrund aufriss. Der Stromfluss zwischen Deutschland und Schweden brach sofort zusammen und die Reparatur der Leitung im betroffenen Trave-Abschnitt dauerte Wochen. 

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